Vom Unsichtbarsein …

Essay

Vom Unsichtbarsein …

Über fremd­bestimmte Unsichtbarkeit, akademische Fragwürdigkeit und einen langen Weg.


Als Kind saß ich mit großen Augen vor dem Fernseher, wenn Pan Tau sich mit der rechten Hand auf die Melone trommelte und die Hutkrempe umkreiste und plötzlich verschwand. In meinem Kopf gingen die Gedanken spazieren und ich fantasierte, in welchen Situationen sich das Unsichtbarsein als nützlich erweisen könnte. Ich muss gestehen: meist handelte es sich um verbotene Dinge – sich unbemerkt dazugesellen, wenn die Eltern den Krimi zu später Stunde schauen, den Schwestern Streiche zu spielen oder heimliches Stibitzen von Süßigkeiten. Attraktiv erschien es deshalb, weil ich in meiner Phantasie selber darüber verfügte, ob ich sichtbar bin. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Harry Potters Tarnumhang für ähnliche Gedankenspiele bei meinen Söhnen sorgte – und ich hoffe, ihre Wunschliste blieb ähnlich harmlos wie meine.

Wie wütend einen Unsichtbarkeit machen kann, das spüre ich zunehmend. Unabhängig davon, ob es sich um die eigene oder die anderer handelt. Zumindest dann, wenn sie fremdbestimmt ist. Andere unsichtbar machen? Das geht doch gar nicht! Doch, geht es. Und es ist ein Phänomen, das gerade Frauen erleben müssen. Bei gemeinschaftlichen Publikationen werden Namen selektiv genannt – interessanterweise meist die männlichen. Der Anstand der genannten Herren, das zu korrigieren, fehlt dann bisweilen ebenfalls. Im besten Fall werden die Damen mit Begriffen wie „und Konsorten" noch irgendwie hinten angehängt. Akademische Regeln wie etwa, dass bei solchen Veröffentlichungen die Namen in alphabetischer Reihenfolge genannt werden, sind plötzlich vergessen.

Worte sind wirksam. Auch die weggelassenen.

Wie etabliert diese Mechanismen sind, stelle ich insbesondere dann fest, wenn ich innerlich mit den Augen rolle, wenn so etwas mal wieder passiert – oder es selbst kaum noch wahrnehme und von anderen darauf hingewiesen werde. Und es sind nicht nur Männer, die lieber das Augenmerk auf die Herren legen. Auch Frauen tendieren nicht selten dazu.

Es ist Diskriminierung, beim Zitieren zu gewichten – unabhängig davon, nach welchem Kriterium. Der Bekanntheitsgrad ist kein Faktor, der das rechtfertigt, im Gegenteil: Wer die prominenteste Person selektiv hervorhebt, macht sie noch sichtbarer – während die anderen in genau jener Unsichtbarkeit verschwinden, aus der herauszukommen sie ohnehin schon mehr Kraft kostet. Ein sich selbst verstärkender Mechanismus, der Ungleichheit nicht abbildet, sondern aktiv produziert.

Haben wir Frauen keine anderen Probleme? Oh, doch. Insbesondere in einer Welt der Trumps, Musks und Epsteins – und der Ulmens. Denn während die großen Namen weit weg wirken, findet sexualisierte Gewalt auch direkt vor unserer Nase statt. Gerne durch jemanden, dem man es nicht zugetraut hätte. Gerne durch einen vermeintlich sympathischen Comedian von nebenan. Genau deshalb ist die Reichweite des Problems so schwer zu fassen – und genau deshalb muss der Finger in diese Wunde gelegt werden, auch dort, wo es unbequem ist, auch unter Akademiker:innen, und vielleicht noch ein bisschen gedreht werden, bis der Dreck rauseitert.

Im Gegensatz dazu würde ich mich an anderer Stelle über weniger Aufmerksamkeit für uns Frauen freuen – etwa wenn wir bewundernde Blicke für handwerkliche Tätigkeiten ernten, begleitet von Aussagen wie: beachtlich für eine Frau! Es mag an meiner Vorliebe für Kausalzusammenhänge liegen, denn im Normalfall bedient man Werkzeuge nicht mit einem Pillemann, weshalb sich mir der Bezug zwischen Geschlecht und Kompetenz nicht erschließt. Als Bewunderung getarntes Cat Calling lasse ich an dieser Stelle mal außen vor. Ihr merkt: da liegt noch ein ziemlich langes Stück Weg vor uns.

Braucht es nun mehr Frauen, die sich darüber empören? Mehr als das. Es braucht mehr Menschen, die das nicht akzeptieren – und laut aussprechen, wer da gerade unsichtbar gemacht wird. Auch meine Söhne wissen: Gleichberechtigung ist kein Haltungsmerkmal, sondern eine Handlungsfrage. Den Mund aufmachen, wenn andere durch Verhalten auffallen, das diskriminiert – das ist keine Frage des Geschlechts, sondern des Anstands. Denn Zauber hat Unsichtbarkeit nur dann, wenn sie frei gewählt ist. Vielleicht mit einem Trommeln auf die Melone und einem Streichen über die Hutkrempe.

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